Die steigende Zahl aktueller Studien zeichnet ein immer vollständigeres Bild davon, dass winzige Kunststoffteilchen mittlerweile buchstäblich überall sind – und uns auch in unserem Alltag ständig umgeben. Eine Auswahl der seit 2017 veröffentlichten, bereits nachgewiesenen Vorkommen von Kunststoff-Belastungen mit Bezug zu Mensch und Meer:

 

Wasser auf dem Weg ins Meer: Flüsse

Logo Universität BayreuthAls eine „zivilisatorische Grundlast von Kunststoffpartikeln in den Gewässern“ bezeichnet Prof. Dr. Christian Laforsch von der Universität Bayreuth das Vorkommen von Mikroplastik in deutschen Flüssen. Eine Forschergruppe um ihn hatte von 2014 bis 2017 Wasserproben an 22 Flüssen mit Schwerpunkt der Einzugsgebiete von Rhein und Donau entnommen und analysiert. An allen Probestellen wies das Forscherteam Mikroplastik nach. Durch den eingesetzten „Mini-Manta“-Trawl war unterhalb dessen Maschenweite von 300 Mikrometern nur eine semiquantitative Erhebung möglich. Dennoch lagen fast zwei Drittel der eindeutig als Kunststoffpartikel identifizierten Teilchen im kleinsten Größenbereich.

“Um die Herkunft, die zeitweilige Ablagerung und den dauerhaften Verbleib von Mikroplastik in Gewässern genau zu verstehen“, sei viel weitere Forschung nötig, so der Bayreuther Wissenschaftler anlässlich der Vorstellung der Studie. Höhere Belastungen wiesen vor allem in kleineren und mittleren Nebengewässer mit relativ hohem Abwasseranteil auf.

Mikroplastik-Länderbericht (pdf) – veröffentlicht 2018


Direkt eingenommen: Mahlzeiten

Symbolbild gedeckter EssenstischLaut Hochrechnungen von Forschern der Universität Edinburgh nehmen wir pro Mahlzeit über 100 winzige Kunststoffteilchen auf. Die Wissenschaftler stellten in drei Haushalten Petrischalen mit einer klebrigen Oberfläche während der Mahlzeiten auf den Esstisch. Im Anschluss an die etwa 20minütigen Essenszeiten wurden die Schalen, die über die Luft und Staubpartikel Plastikteilchen aufgenommen hatten untersucht: Umgerechnet auf einen durchschnittlich großen Teller kamen sie auf bis zu 114 Plastikpartikel. Dies ergibt 68.415 potentiell gefährliche Teilchen pro Jahr. Mögliche Quelle sind laut der Autoren der Studie Polstermöbel und synthetisches Gewebe, etwa aus Teppichen oder Kleidung. Die Plastikpartikel können auch durch Einatmen aufgenommen werden.

Mitteilung der Heriot Watt Universität Edinburgh – veröffentlicht 2018


Direkte Zufuhr in den Körper: Mineralwasser

Symbolbild WasserflascheDas Projekt „Mikroplastik in Lebensmitteln, Futtermitteln und Kosmetika“ des Chemischen und Veterinäruntersuchungsamt Münsterland-Emscher-Lippe (CVUA-MEL) in Kooperation mit der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster wies in einer Studie Mikroplastik-Partikel in allen untersuchten Proben nach. Untersucht wurden 38 Mineralwässer in Einweg- und Mehrweg-PET-Flaschen, in Glasflaschen und in Getränkepackungen. Genutzt wurde die sogenannte Raman-Mikrospektroskopie, die bisher als einzige Methode bis zu einem Größenbereich von 5-20 µm vordringen kann. In allen Verpackungsarten wurden Mikroplastikpartikel im kleinen (50-500 µm) und sehr kleinen (1-50 µm) Größenbereich gefunden, davon etwa 80 % in der kleinsten Kategorie von 5-20 µm. Besonders belastet waren die Mineralwässer aus PET-Mehrwegflaschen.

Studie des CVUA-MEL – veröffentlicht 2018

Auch in deutschem Bier war eine Untersuchung bereits auf Kunststoffpartikel gestoßen.


Im Einzuggebiet der Flüsse: Naturschutzgebiete

Mittels einer neuen Methode untersuchten Seealpsee in der SchweizForscher des Geographischen Instituts der Universität Bern zum ersten Mal von Genf bis Graubünden 29 Schweizer Auenböden. „Obwohl die Standorte in Naturschutzgebieten liegen, wurden in 90 Prozent der Böden Mikroplastik gefunden“, sagt Moritz Bigalke. Für seinen Co-Autor Michael Scheurer sind die Befunde „alarmierend“. Neue Untersuchungen deuteten zudem darauf hin, dass Mikroplastik im Boden Regenwürmer töten könne – eine mögliche Gefahr für die Bodenfruchtbarkeit.

Die höchsten gemessenen Konzentrationen von Mikroplastik traten zusammen mit größerem Plastikmüll im Boden auf. In diesem Fall entsteht Mikroplastik auch ohne den Einfluss von Salzwasser, vermutlich durch mechanische Zerkleinerung größerer Teile. Außerdem wies die Studie einen Zusammenhang zwischen der Bevölkerung im Einzugsgebiet des Auenflusses und der Mikroplastik-Konzentration nach: Je größer die Bevölkerung im Einzugsgebiet, desto stärker ist die Belastung der Böden. Die Forscher gehen davon aus, dass die gemessenen Mikroplastikkonzentrationen in den Auen erheblich geringer sind als etwa in landwirtschaftlich genutzten Böden.

Pressemitteilung der Universität Bern – veröffentlicht 2018


Der hohe Norden der Erde: Polarmeer

Symbolbild PolarmeerIn aus den Jahren 2014 und 2015 stammenden Eisproben aus fünf verschiedenen Gebieten des Arktischen Ozeans wiesen Forscher des Alfred-Wegener-Institutes, Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung (AWI), mehr Mikroplastik nach als je zuvor. Teilweise enthielten die Proben eine Konzentration von mehr als 12.000 Mikroplastik-Teilchen pro Liter Meereis. Circa zwei Drittel der Partikel gehörte der kleinsten Kategorie der Untersuchung an, 50 Mikrometer und kleiner. Dabei waren die Plastik-Überreste so charakteristisch im Eis nachweisbar, dass die Wissenschaftler ihre Spuren zurückverfolgen konnten: Einerseits bis zum großen Müllstrudel im Pazifischen Ozean, andererseits deutet der hohe Anteil von Lack- und Nylonpartikeln auf den stetig zunehmenden Schiffsverkehr und Fischfang im Arktischen Ozean. Globalen Quellen und lokale Verschmutzung gehen also Hand in Hand.

„Wir haben bei unserer Untersuchung festgestellt, dass mehr als die Hälfte der im Eis eingeschlossenen Mikroplastik-Teilchen kleiner als ein Zwanzigstel Millimeter waren und damit problemlos von arktischen Kleinstlebewesen wie Wimperntierchen, aber auch Ruderfußkrebsen gefressen werden können“, sagt AWI-Biologin Dr. Ilka Peeken und stuft den Befund als „wirklich beunruhigend“ ein. Die Eisschollen transportieren somit eine enorme Zahl an Mikroplastik-Teilchen (zurück) Richtung Süden, etwa vor die Nordostküste Grönlands. Der weitere Weg des Kunststoffs ist bisher noch nicht erforscht.

Pressemitteilung des AWI – veröffentlicht 2018


Ein wichtiges Lebensmittel: Salz

Salinen zur Gewinnung von MeersalzDas Institut für Biologie und Chemie des Meeres an der Universität Oldenburg untersuchte für die NDR-Sendung „Markt“ verschiedene Proben von herkömmlichem Meersalz und Fleur de Sel. Alle analysierten Proben wiesen Kunststoffrückstände auf, wobei in Fleur de Sel deutlich höhere Werte gefunden wurden als in Meersalz. Dr. Barbara Scholz-Böttcher vom untersuchenden Institut für Chemie und Biologie des Meeres vermutet als Ursache die Verschmutzung der Meere: „Plastik im Salz ist eine Konsequenz aus der jahrzehntelangen, leichtfertigen Entsorgung von Kunststoff. Insgesamt hält diese Entwicklung der Gesellschaft den Spiegel vor. Der Plastikmüll landet in einem sehr hochwertigen Produkt jetzt wieder auf dem Essteller.“

Bericht der NDR-Sendung „Markt“ – veröffentlicht 2018


Weit unter der Wasseroberfläche: Tiefseeorganismen

Symbolbild TiefseeDie Verunreinigung durch Plastik ist auch in Tiefseegräben bereits nachweisbar. Forscher der Universität Newcastle untersuchten Tiere aus sechs der tiefsten Orte des Pazifischen Ozeans von Chile bis Japan und wurden in fast allen der 90 Proben fündig. Die untersuchten Krebstiere aus dem Mariannengraben mit fast 11.000m Tiefe wiesen sogar allesamt Kunststoffe verschiedenen Ursprungs auf, beispielsweise Fasern. Leiter Dr. Alan Jamieson überraschten die Resultate jedoch nicht: “Im Meer entsorgter Müll wird letztendlich entweder zurück an die Küste gespült oder er sinkt in die Tiefsee, es gibt keine weiteren Möglichkeiten.“ Die Ökosysteme der Tiefsee sind gleichzeitig so wenig erforscht, dass keine Vergleichsdaten aus der Zeit vor der Plastikverschmutzung existieren. Jamieson schätzt, dass es mittlerweile keine marinen Ökosysteme ohne Belastung durch Plastikteilchen mehr gebe.

Pressemitteilung der Newcastle University – veröffentlicht 2017


Universal genutzt und getrunken: Leitungswasser

Symbolbild LeitungswasserDas gemeinnützige US-amerikanischen Journalisten-Netzwerk „OrbMedia“ sorgte 2017 mit einer Studie zu Kunststoffen in Leitungswasser für Wirbel. Beprobt wurde Leitungswasser weltweit. 83% der 159 Proben à 500ml erwiesen sich als mit Plastikfasern belastet, mit regionalen Werten von von 72% (Europa) bis 94% (USA, Beirut). Die Untersuchung umfasste Fasern bis zu einer Größe von 2,5 Mikrometer. Die Tendenz von Mikroplastikpartikeln, sich mich Schadstoffen anzureichern, war bereits früher von der Hochschule für angewandte Wissenschaften Hamburg nachgewiesen worden.

Medien griffen die Untersuchung mit großen Schlagzeilen auf. Demgegenüber stellte das Umweltbundesamt (UBA) die Methode der Studie in Frage, da Mikroplastikverunreinigungen demnach auch leicht während der Untersuchung über die Luft in die Probe gelangt sein könnten. Die Reinigungswirkung der Bodenschichten lasse die Resultate laut UBA nicht besonders plausibel erscheinen. Auch die nachgewiesene absolute Zahl an Fasern ist mit 1,9 (Europa) bis 4,8 (USA) eher gering.

Studie von OrbMedia – veröffentlicht 2017


Quelle: www.plawas.net
Fotos: Pixabay